Hans-Rüdiger Minow
Publizist
Regisseur
Völker hören Signale
Volksgruppenpolitik schürt ethnische Konflikte
von Hans-Rüdiger Minow, in: blaetter des iz3w,
Die meisten aktuellen Kriege finden nicht zwischen, sondern innerhalb von Staaten statt. Diese ethnisch, kulturell oder religiös begründeten Gruppenkonflikte haben zwar Eigendynamiken, die jedoch oft »von außen« geschürt und beeinflußt werden. Indem »ethnische« Minderheiten als Volkskonstruktion anerkannt und gefördert werden, können Differenzen zu kriegerischen Konflikten ausgeweitet und bestehende Staaten geschwächt werden. Dieser Taktik bediente sich z.B. das Deutsche Reich seit Anfang des Jahrhunderts. Die Volksgruppenpolitik im ehemaligen Jugoslawien, aber auch in zahlreichen anderen ethnisch begründeten Konflikten, wie in Kaschmir, Ruanda oder Kurdistan, setzt diese Tradition fort.
Bei ihrem täglichen Propagandakampf für den Krieg, der angeblich
Menschenrechten nutzt, entdeckte auch die seriöse deutsche Presse
ein Rechtssubjekt, das sie »Volksgruppen« nennt. Diese Wortschöpfung
- im Milieu des NS-Extremismus und der Vertriebenenverbände tradiert
- stammt aus der Zwischenkriegszeit, erlebt aber eine unerwartete Renaissance.
»Volksgruppen«, wahlweise »Ethnien« oder »Minderheiten«,
müßten einem besonderem Schutz unterstellt werden, heißt
es: in Jugoslawien ebenso wie in Rußland, im Irak oder in Afghanistan.
Diese auffällige Sorge um »Minderheiten« erinnert an die
Praxis der Kolonialmächte, die sich mit Nationalitätenfragen
immer dann beschäftigten, wenn sie auf der Suche nach Komplizen für
Eroberungs- und Okkupationsstrategien waren. So setzten die amerikanischen
Militärs ganze Stabsabteilungen ein, um Bergstämme im Norden
und Westen Vietnams gegen die Hanoier Regierung aufzustacheln, als der
Südostasien-Krieg tobte. Gleichzeitigt tönte die internationale
Menschenrechtspropaganda, in Vietnam gäbe es »Ethnien«
zu schützen. Für den Kampf kurdischer Minderheiten, die gegen
Bagdad ins Feld geführt werden, geben die USA zweistellige Millionenbeträge
aus.
Gehader der Völkchen
Auch die deutsche Politik hat es seit jeher verstanden, »ethnische«
Mittel einzusetzen, um fremde Staaten zu destabilisieren und über
Minderheiten Einfluß auszuüben. Die Deutschen waren gerade vereinigt,
als ein im Alemannischen, nicht fern von Freiburg geborener Landsmann namens
Friedrich Ratzel empfahl, eine Eigenschaft zu entwickeln, die er den »geographischen
Sinn« nannte. Dieser Sinn sei nur ein anderer Ausdruck für »Expansionstrieb,
Kolonisationsgabe (und) angeborenen Herrschergeist«. Wir schreiben
das Jahr 1897 und die Deutschen suchen Wege, ihre nationale Bedeutung politisch,
wirtschaftlich und auch militärisch zu demonstrieren. Die Losung heißt:
Expansion. Deutschland ist jedoch in einer schwierigen Lage. Der Zusammenschluß
seiner nationalen Kräfte erfolgt hunderte Jahre später als die
Nationenbildung der deutschen Hauptkonkurrenten. England und Frankreich
erfreuen sich weltweiter Kolonien, die Deutschen haben das Nachsehen.
Weil insbesondere die militärischen Kräfte
nicht ausreichen, um den erstrebten Platz an der Sonne zu erobern, weil
man sich mit lächerlichen Zukäufen in Afrika begnügen muß,
beginnt die Suche nach einer Eroberungsstrategie, die auch ohne starke
Militärverbände erfolgreich sein könnte. 1897 plädiert
Friedrich Ratzel für die »ethnographische Perspektive«
deutscher Expansion, und gibt den Deutschen zur Aufgabe, daß »selbst
im Inneren Afrikas für uns kein Saum unklarer Vorstellungen«
bestehen dürfe. Ratzel verlangt eine genaue Kenntnis der Stämme,
ihrer Sprachen, Gewohnheiten und vor allem ihrer Widersprüche, um
mit dieser Kenntnis Herrschaft auszuüben, sprich: um die inneren Kontroversen
anderer Nationen, um das Gehader der »Völkchen«, wie sich
Ratzel ausdrückt, in den Dienst der deutschen Außenpolitik zu
stellen. Ratzels Überlegungen finden großen Anklang. Das expansive
Deutschland der Kaiserzeit entdeckt die sogenannten »Völkchen«,
in Frankreich etwa die Lothringer, die Elsässer sowieso, die Bretonen
und Savoyer, den ganzen Urgrund moderner Nationalstaaten. Das Frankreich
der »Völkchen« z.B. zerfiele in unendlich viele Einzelteile,
wenn man das eine »Völkchen« gegen das andere aufbringen,
wenn man die vorhandenen Gefühle der Eigenart und manchmal auch der
Fremdheit anheizen könnte.
Ratzels Ansatz wurde fortlaufend systematisiert,
insbesondere im 1.Weltkrieg. Hier ging es, nun schon präziser, um
die »Völkchen« im Osten und im Südosten Europas,
die auch als »Randvölker« bezeichnet wurden. In einer
Denkschrift für den Kaiser aus dem Jahr 1918 schreibt ein anderer
prominenten Süddeutscher, der Prinz Max von Baden, der Weg zum deutschen
Sieg müsse über die Instrumentalisierung der »Rand- und
Fremdvölker« gehen. Max von Baden schlägt vor, tief in
den Fundus der Vorgeschichte zu greifen, und den Stammesdünkel zum
Aufsprengen konkurrierender Nationen zu nutzen: Ukrainer gegen Russen,
Russen gegen Ungarn, Ungarn gegen Slowenen. Die Deutschen, so Max von Baden,
müßten sich für die angeblichen Rechte dieser »Rand-
und Fremdvölker« einsetzen. Deutschland müsse als Schutzmacht
der Ethnien auftreten. In den Worten des kaiserlichen Beraters: »Unsere
Befreiersendung im Osten muß (...) umrissen werden. Jedes einzelne
Fremdvolk muß erwähnt werden...Wir müssen es deutlich machen,
daß wir ehrlich als Rechtsschützer an allen Randvölkern
handeln wollen«.
Hier klingt eine weitere Überlegung der deutschen
Außenpolitik an: Wenn man im Kostüm des »ehrlichen Rechtsschützers«
auftreten würde, ließe sich ein sittlicher Auftrag konstruieren,
eine »Befreiersendung« im Osten und Südosten Europas,
ein ethisches Ziel. Wie der ehrliche Rechtsschutz tatsächlich gemeint
war, hatte gerade die Sowjetunion erfahren. Das Diktat von Brest-Litowsk
führte zur Expatriierung von 46 Millionen Menschen - jene »Rand-
und Fremdvölker«, die zu den nationalen Minderheiten gehörten,
und deren Auszug aus dem gemeinsamen Staatsverband das Territorium des
russischen Gegners schrumpfen ließ. Absicht war, die Abtrennung der
»Rand- und Fremdvölker« in die Gründung neuer Staaten
münden zu lassen - kleinflächiger Staaten, durch Deutschland
beherrschbar. Territorial wie ökonomisch schwache Nachbarn - so die
Spekulation - würden als Machtkonkurrenten ausscheiden und insbesondere
den deutschen Wirtschaftsinteressen zur Verfügung stehen.
»Freiheit für Volksgruppen«
Unbeeindruckt von der Niederlage im 1.Weltkrieg arbeitete das deutsche
Außenministerium auch während der zwanziger Jahren an der expansiven
Taktik einer ethnisierenden, in die Stammesgeschichte
zurückgreifenden Herrschaftspolitik, die auf die Blutsherkunft
setzt. Wegen der erneut fehlenden militärischen Potentiale waren die
Vorabeiten des Prinzen von Baden hochwillkommen und wurden vervollständigt:
zivile Forcierung der Minderheitenprobleme in Ost- und Südosteuropa,
Dienstbarmachung nationalistischer Widersprüche, Schutzanspruch im
Augenblick innerer Zersetzung. In Anbetracht ethnischer Minderheiten, die
mit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung im Streit lagen, empfahlen
Vorfeldorganisationen des deutschen Auswärtigen Amts (AA) eine rassisch
begründete Desintegration der ost- und südosteuropäischen
Nationalstaaten. Dazu müsse die »heute in Europa herrschende
Staatsauffassung« gekippt werden: »Sie ist zumeist - selbst
in den Vielvölkerstaaten Ost- und Südeuropas - nationalstaatlich.
Diese Staatsauffassung und die ihr entsprechenden Verfassungstypen sind
(...) den Tatsachen der Völkermischung und -schichtung schlecht angepaßt,
da das staatsverwaltende Volk es in nur wenigen Staaten vermeidet, die
anderen Volksgruppen völkisch, wirtschaftlich oder kulturell zu unterdrücken.«
Das Gerede vom »Volk« in den »Vielvölkerstaaten«,
darunter auch in Jugoslawien, machte deutlich, daß die »Volksgruppen«
zu Hebeln künftiger Interventionen ausersehen waren. Die »Volksgruppen«
müßten das »Selbstbestimmungsrecht der Völker«
in Anspruch nehmen, heißt es - eine totale, absichtliche Konfusion
des internationalen Rechts, denn das internationale Recht versteht unter
dem Begriff »Volk« immer und ausschließlich die in einem
souveränen Staat zusammengeschlossenen Bevölkerungsteile,
aber niemals Minderheiten oder sogenannte Volksgruppen.
Daß der deutschen Außenpolitik dieser
Unterschied völlig bewußt war, zeigt eine vom Berliner Außenamt
organisierte Konferenz des Jahres 1928, in deren Abschlußprotokoll
verfügt wird: »Es gibt keinen Ausweg als den Bruch mit überlebten
Auffassungen von Staat und Volk«. Weiter heißt es wörtlich,
als permanente Forderung der deutschen Außenpolitik habe zu gelten:
»für das geschlossene Siedlungsgebiet jedes Volkes das Recht
auf einen eigenen Staat.« Wiederum ist der Begriff »Volk«
auf die »Volksgruppen« und Minderheiten, jedoch nicht auf die
Souveräne der Nationalstaaten gemünzt. »Volk« heißt
die Elsässer, die Lothringer, die Bretonen und Savoyer, nicht aber
die Franzosen. »Volk« heißt die Kroaten versus die Serben,
niemals die Jugoslawen. Und für jede dieser sogenannten Volksgruppen
nahm die deutsche Außenpolitik eine »Befreiersendung«
in Anspruch, einen ethischen Auftrag ihrer fortschreitenden Expansion in
Europa. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu offenbaren, daß
diese Strategie zur Auflösung des gesamten europäischen Staatengefüges
führen mußte. Jede Nation beherbergte Minderheiten, auf die
das deutsche »Volks«-Modell zutraf. Wenn sämtliche »Bluts-Völker«
zur Staatsgründung schritten, müßten insbesondere Ost-
und Südosteuropa in Chaos und Bürgerkrieg versinken.
Es dauerte nur wenige Jahre, bis das außenpolitische
Konzept aus kaiserlichen und Weimarer Tagen realisiert werden konnte -
im NS-Staat. Die rassische Desintegration ethnischer Prägung wurde
zur Spezialität des Staatssekretärs Ernst Freiherr v. Weizsäcker,
der dabei mit den Separatisten ganz Europas zusammenarbeitete - von Konrad
Henlein in der Tschechoslowakei bis zu Sepp Janko in Jugoslawien. Das taktische
Vorgehen war einfallslos, aber stets erfolgreich: Um auf eine ethnische
Intervention einzustimmen, wurde die Öffentlichkeit mit Propagandaberichten
hysterisiert, die den zu okkupierenden Staat des Unrechts an seinen »Minderheiten«
zieh. Die mediale Inszenierung sollte die Bevölkerung auf Qual und
Leiden der unterdrückten »Volksgruppen« einstimmen und
das Mitgefühl ins Unerträgliche steigern. Es wurden Sondermarken
zur Unterstützung der unterdrückten »Volksgruppen«
in Polen gedruckt, Wunschkonzerte riefen zur humanitären Hilfe an
zigtausenden Flüchtlingen auf, die unter dem Eindruck der Minderheitenpropaganda
ihr Land verließen; die Presse überschlug sich mit Bildberichten
von den Elendstrecks an den Grenzen. Gleichzeitig belieferte der deutsche
Auslandsgeheimdienst die vom Auswärtigen Amt betreuten Separatisten
mit Sprengstoff und Waffen. In der Tschechoslowakei flogen Brücken
in die Luft, in Jugoslawien kam es zu Schießereien. Die fortschreitende
Destabilisierung der bedrohten Länder und ihre militärischen
Reaktionen dienten dem NS-Reich als neue Belege für eine unhaltbare
Lage. Am Ende der mutwilligen Eskalationen ließ Reichskanzler Hitler
deutsche Truppen einmarschieren.
»Deutsche« im Ausland
Obwohl die nationalsozialistische Variante der sittlich verkleideten
Überfälle ebenso scheiterte wie die kaiserliche Expansion, blieben
ihre Grundzüge Bestandteil der deutschen Außenpolitik - auch
nach 1945. Zahlreiche Vorfeldorganisationen, die aus dem Bundeshaushalt
sowohl offen als auch verdeckt finanziert werden, insbesondere die »Föderalistische
Union Europäischer Volksgruppen« (FUEV), schrieben das Hauptbuch
der deutschen Auslandsverbrechen fort. Vorläufig ging es um die Sicherung
der »deutschen Volksgruppen« in den verlorenen Siedlungsgebieten
(Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien), aber auch um sogenannte Deutsche
in Belgien (Ostbelgien) und in Frankreich (Elsaß). In den siebziger
Jahren wurde die deutsche Ethno-Politik mit expandierenden Wirtschaftsinteressen
legiert, etwa in Chile unter Pinochet, wo die »deutsche Volksgruppe«
den Auslandsagenturen deutscher Konzerne zuarbeitete. »Deutsche«,
in Wirklichkeit chilenische Staatsbürger mit deutschsprachigen Vorfahren,
wurden als Repräsentanten für Mercedes, Bayer oder Henkel tätig.
Die zur nationalen Elite zählende Minderheit besorgte ihren Auftraggebern
staatliche Aufträge in Millionenhöhe.
In den achtziger Jahren begann eine Annäherung
unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus, die dieselbe Sprache zu sprechen
schienen. Organisationen wie die FUEV forderten das »Selbstbestimmungsrecht
der Völker« und suchten Zugang zu meist ahnungslosen Aktivisten
einer ganz anderen Minderheitenpropaganda, die ebenfalls mit dem Selbstbestimmungsrecht
argumentierten. Ihre befreiungstheoretischen Überlegungen waren Frantz
Fanon und Jean-Paul Satre verpflichtet (»Die Verdammten dieser Erde«),
nicht aber Herder, Ratzel oder Alfred Rosenberg, den deutschen »Kultur«-
und Rassetheoretikern. Ohne Kenntnis der hundertjährigen machtpolitischen
Hintergründe deutscher Minderheitenarbeit gingen weite Teile der Befreiungsaktivisten
in das Lager der »Ethno«- Politiker über, ohne es zu bemerken.
Sie forderten das »Selbstbestimmungsrecht« der Iren, Basken,
Bretonen und Korsen, aber reagierten verständnislos, wenn man ihnen
vorhielt, daß die IRA bereits von ihren Vätern unterstützt
wurde - damals im Auftrag des NS-Geheimdienstes, der die irischen Sezessionisten
ebenso aufpäppelte wie die Bretonen oder »Burgunder«.
Teilweise kam es zu Verschmelzungen zwischen offen rassistischen und befreiungstheoretischen
Milieus, etwa bei den »Grünen« im Alto Adige (Italien).
In Deutschland belegt die Minderheitenpropaganda der »Gesellschaft
für bedrohte Völker« (GfbV), die mit der dem NS- Rassewahn
entstammenden FUEV eng zusammenarbeitet, das cross-over. Beispielhaft ist
die Ausgabe Nr.174 der GfbV-Zeitschrift (Dez.1993). Unter dem Titel »Europas
Vielfalt bewahren« sind nicht nur die Grundzüge heutiger deutscher
Ethno-Politik in Jugoslawien nachzulesen; das Heft liest sich darüber
hinaus wie eine Vorlage für Presseerklärungen des Außenministers
Fischer. Fantasierte Fischer von angeblichen jugoslawischen Konzentrationslagern
erst im Frühjahr 1999, so sind entsprechende Erfindungen bei der GfbV
bereits 1993 nachzulesen.
Hilfe für Randvölker
Neben der FUEV und anderen Vorfeldorganisationen der deutschen Minderheitenpolitik
bedient sich das Auswärtige Amt einer Institution, die unmittelbar
nach der deutschen Vereinigung entstand. Als sich zu Beginn der neunziger
Jahre erweiterte Handlungsspielräume boten, wurde das »Europäische
Zentrum für Minderheitenfragen« (EZM) gegründet und in
Flensburg angesiedelt. Über die »deutschen Volksgruppe«
in Dänemark ist das EZM mit der FUEV verkoppelt. Bereits 1996 finanzierte
die Landesregierung von Schleswig Holstein, bestehend aus SPD und »Bündnis
90/Die Grünen«, das EZM aus dem gemeinsamen Kieler Landeshaushalt.
Inzwischen fliessen die notwendigen Mittel ebenso via Bundeskasse. Das
als »europäisch« ausgegebene, in Wirklichkeit deutsche
EZM hat sowohl westliche wie östliche »Minderheiten« im
Auge, vor allem aber die »Randvölker« Südosteuropas.
»Die Bevölkerung der meisten Staaten Europas ist ethnisch nicht
homogen«, formulierte der Staatssekretär Kurt Schelter bei der
EZM-Eröffnung 1996: »Mit dem Mehrheitsvolk leben nationale Minderheiten
und Volksgruppen...In vielen Ländern Europas gibt es noch ethnische
Spannungen, lange schwelende Nationalitäten- und Völkerkonflikte
(...). Hinzu kommen neue Auseinandersetzungen, die entstehen, weil sich
Menschen in ihrer besonderen ethnischen Identität in ihrem Staat nicht
genügend geachtet und beachtet fühlen. In diesem Spannungsbogen
ist die Idee eines Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen
entstanden. Denn wenn wir helfen wollen, diese Probleme zu lösen,
dann müssen wir mehr wissen um die ethnischen Zusammenhänge und
die Konfliktursachen.«
Die gemeinsame Hilfsarbeit galt von Anfang an dem
Balkan. Dort, so der Direktor des EZM 1996, ein Mann des Auswärtigen
Amtes, »müssen sogar souveräne Staaten das Eingreifen der
internationalen Gemeinschaft hinnehmen. In Fällen wie Kosovo kann
die Eskalation der Spannungen zwischen den Volksgruppen nur auf diese Weise
verhindert werden«. Das Gerede von den »Volksgruppen«
und der angeblichen Hilfe machte klar: Schon 1996 war im Auftrag der Bundesregierung
das alte Konzept der Desintegration erneut in Kraft gesetzt. Die Situation
glich der deutschen Expansionszeit vor Beginn des 1.Weltkriegs. Wieder
fehlten die militärischen Kräfte zur Durchsetzung der angestrebten
Herrschaftsrolle, wieder wurde zu einer anderen, zu der alten Taktik der
Chaotisierung des Kontinents gegriffen und erneut wurde ein sittliches
Kostüm geschneidert: »Befreiersendung« im Osten, »Schutzauftrag«
für die Ethnien. Jugoslawien war das ausersehene Exerzierfeld.
1997 schloß sich der in direktem Kontakt mit
dem Auswärtigen Amt befindliche Direktor des EZM mit Werner Weidenfeld
kurz, damals zum engsten Beraterkreis von Bundeskanzler Kohl gehörend
und zugleich Leiter eines think tank namens »Centrum für angewandte
Politikforschung an der Universität München/Forschungsgruppe
Europa«, das u.a. von der Bundesregierung, vom Bertelsmann-Konzern
und von der Deutschen Bank finanziert wird. Gemeinsames Ziel war »die
Einführung neuer Elemente in das internationale Recht, Elemente, welche
der internationalen Gemeinschaft bei eskalierenden ethnischen Konflikten
ein direktes Eingreifen erlauben werden«. Vor Euphemismen strotzend,
zielte das Programm auf die Ausschaltung der UNO und auf gewalttätige
Operationen im europäischen Gewand, also nicht unter amerikanischer,
sondern unter deutscher Führung (WEU/OSZE).
Ohne jede Scheu war von »Friedenswahrung durch
Intervention von außen« die Rede - eine Umschreibung konkreter
Pläne, die die militärische Revision der europäischen Grenzen
ankündigen (Arbeitsprogramm des Centrums für angewandte Politikforschung/
Projektgruppe Europa 1995/96). Wiederum wurde Jugoslawien ausersehen, um
das Konzept zu erproben. Im Januar 1997 setzten das »Europäische
Zentrum für Minderheitenfragen« (EZM) und die »Bertelsmann-Wissenschaftsstiftung«
im Münchener Centrum für angewandte Politikforschung eine sogenannte
»Vermittlung« in Szene, um »zwischen Beratern des serbischen
Präsidenten Slobodan Miloÿsovi´c und den Vertretern der
kosovoalbanischen Führung« Gespräche zu initiieren. Die
eigentliche Vermittlungsleistung galt der Aufwertung ethnischer Kosovo-
Separatisten, die den legitimen Repräsentanten des Sezessionsgebietes
gleichgestellt wurden. Den uneigennützigen Vermittlern, zu denen von
Anfang an das Auswärtige Amt gehörte, lag bei Beginn des Treffens
eine selbst in Auftrag gegebene und gebilligte Studie vor, in der es heißt:
»Der akuteste Krisenherd, der bald zur Explosion kommen wird, ist
der Kosovo, dessen albanische Mehrheitsbevölkerung (...) ihren Willen
zur Sezession und einem eventuellen späteren Anschluß an Albanien
eindeutig zum Ausdruck gebracht hat. Die historischen Gebietsansprüche
der Serben müssen dem Recht auf Heimat der Albaner unzweifelhaft weichen
(...). Die geschlossenen albanischen Siedlungsgebiete im Kosovo grenzen
unmittelbar an albanisches Staatsgebiet, so daß ein Anschluß
ohne größere Schwierigkeiten möglich ist. Dies gilt im
Prinzip auch für die albanischen Siedlungsgebiete in Mazedonien, im
Süden Serbiens und in Montenegro.«
»Progressive Internationalisierung«
Ein Teilungsprogramm für Restjugoslawien lag auf dem Tisch. Dennoch
wurde selbst noch Mitte der neunziger Jahre die darin zum Ausdruck kommende
Absicht auch von kritischer Öffentlichkeit nicht ernst genommen. Haupthindernis
bei der Wahrnehmung konkreter Parzellierungspläne war die Annahme,
wir lebten in einer Zeit, in der die konkrete Herrschaft über geographische
Räume keine entscheidende Rolle spiele, da Weltpolitik »global«
sei und deswegen über den Territorien schwebe. Diese irrige Annahme
wurde nicht erst im Jugoslawien-Krieg widerlegt, dessen Ziel die Niederringung
einer unbotmäßigen Herrschaft und die Teilung eines wirklichen
Territoriums war. Die Unterwerfung fremden Territoriums, auch mit den Mitteln
der Minderheitenpolitik, bleibt unverändert aktuell. Das dem eigenen
Wirtschaftsraum zwangsintegrierte Gebiet spielt für die Ausbeutung
der territorialen Ressourcen unter besonders günstigen Profitbedingungen
(geringe Löhne und Steuern) eine ähnliche Rolle wie die Bedarfsdeckung
neu geschaffener oder unterworfener Bürokratien. So hat Daimler/Chrysler
bereits im ersten Jahr seiner Südosteuropa-Aktivitäten, die in
Kroatien konzentriert sind, einen Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe
erwirtschaftet - durch den Verkauf mehrerer Flugzeuge des Airbus-Typs an
die »Croatian Airlines«, eine Fluggesellschaft, die sich den
Teilungserfolgen deutscher »Ethno«-Politik verdankt.
Bei dem Versuch, über das in Europa entstehende
»Ethno«-Chaos Hegemonie zu erringen, dabei »Hilfe«
vorzugaukeln, um gefügige »Protektorate« zu gewinnen und
in eine Konkurrenz zu den USA zu treten, macht die deutsche Außenpolitik
nicht in Jugoslawien halt. Ihre Planungen zielen auf Umsturz in ganz Ost-
und Südosteuropa, das einer »Neuordnung« ausgesetzt werden
soll: »progressive Internationalisierung« heißt der terminus
technicus. So entwirft die bereits zitierte Vorfeldstudie des Auswärtigen
Amtes detaillierte Sezessionsszenarien für Rumänien, Ungarn,
Lettland, Estland, Weißrußland, die Ukraine, Aserbaidschan
und den Kaukasus.
Zu welchen Optionen geraten wird, zeigt der folgende
Auszug, der sich ausdrücklich auf Grenzrevisionen bezieht, um beispielsweise
die »ungarischen Minderheiten in ihren Nationalstaat zurückzuführen«.
Gemeint sind rumänische, jugoslawische und slowakische Bürger
angeblich ungarischen Blutes, deren Abspaltung und mögliche Mitnahme
souveräner Staatsterritorien präventiv gerechtfertigt, also nahegelegt
wird: »Vom Selbstbestimmungsrecht her wären Grenzrevisionen
allemal gerechtfertigt... Ein großer Teil der kompakt ungarisch besiedelten
Gebiete grenzt an das Mutterland (!), so daß ein Anschluß insofern
möglich wäre. Dies gilt für die Südslowakei, die Karpaten-Ukraine,
(...) das geographisch eher zur ungarischen Tiefebene gehörende Partium
(...) sowie die nördliche Vojvodina.«
Wie wahnwitzig diese Sezessionsplanungen auch erscheinen
mögen - sie sind bis zur rechtlichen Legitimation zu Ende gedacht
und finden in den Schriften maßgeblicher Mitglieder des EZM ihren
Ausdruck. So erklärt Rainer Hofmann, Führungsmitglied im EZM,
daß das Internationale Völkerrecht außer Kraft gesetzt
werden müsse, um »im Extremfall auch (eine) gewaltsame Ausübung
des Selbstbestimmungsrechts« der Minderheiten und »Volksgruppen«
herbeizuführen. Eben auf diesen »Extremfall« hat ein Teil
der deutschen Außenpolitik seit der deutschen Vereinigung zielstrebig
hingearbeitet und sich dafür Südosteuropa ausersehen. Es ist
diese Politik der ethnischen Desintegrationen, der Zerlegung Europas in
Territorialparzellen, die am Beginn des gegenwärtigen Krieges steht.