Hans-Rüdiger Minow
Publizist
Regisseur
Deutschland, der völkische Parvenue
Paradigmen der deutschen Außenpolitik
Hans Rüdiger Minow, in: PHASE2, Nr. 11/ 2004
"An
welche Einheit denkt Wilson eigentlich, wenn er von der
Selbstbestimmung spricht? Meint er eine Rasse, ein Gebietsteil oder ein
Gemeinwesen? Ohne die Festsetzung einer ganz bestimmten, für die Praxis
brauchbaren Einheit bedeutete die Anwendung dieses Prinzips eine Gefahr
für den Frieden und die Stabilität [...] Das ganze Wort
›Selbstbestimmung‹ ist mit Dynamit geladen [...] Ich fürchte, daß es
Tausende und Abertausende von Leben kosten wird [...] Welch ein
Verhängnis, daß dieses Wort je geprägt wurde! Welch ein Elend wird es
über die Menschen bringen!" Robert Lansing, US-Außenminister unter
Präsident Woodrow Wilson, über die Erfindung des
Selbstbestimmungsrechts im Jahr 1918(1)
"Darum müssen wir allgemeine Menschheitsziele in unseren nationalen
Willen aufnehmen." Prinz Max von Baden, deutscher Reichskanzler und
Ministerpräsident Preußens, Verhandlungspartner von US-Präsident
Woodrow Wilson, über Deutschlands Weg zur Weltmacht(2)
Die Außenpolitik Deutschlands, wie es 1871 entstand, begann mit einem
Krieg, dem Krieg gegen Frankreich. Kriegerische Gewalt zu entfesseln
und das Tötungsverbot aufzuheben, ist eine prekäre, ist die äußerste
Verpflichtung nationalen Interessenkampfes zwischen den Staaten. Indem
Außenpolitik kulminiert, sobald der Befehl zum Töten ergeht, steht sie
am Ende ihrer anderen Mittel, die friedlicher waren. Nicht so in
Deutschland. Das Deutsche Reich, das Bismarck erzwang, als er die
französische Beute den Fürsten anbot und den Aktienmarkt in Verzückung
versetzte, kannte keine anderen Mittel, die dem Krieg vorgelagert
gewesen wären. Im Frieden hatten die Fürsten nichts erreicht,
jedenfalls keinen deutschen Staat. Deutsche Außenpolitik der ersten
Stunde erfuhr an sich selbst, beim Triumph über Frankreich, dass
expansive Gewalt die innere Zwietracht zu sedieren versteht und
Verhältnisse schafft, für die andere Nationen Jahrhunderte brauchten.
Deutschland schien in der glücklichen Lage, mit einem einzigen Sprung,
der gewalttätig war, in jene Gruppe der Staaten wechseln zu können, die
um Weltherrschaft kämpften. Unerprobt und an keinem Kontinuum erfahren,
hat die Außenpolitik des Deutschen Reiches nach 1871 dilettiert, um
aufzuholen, gleichzuziehen und binnen kürzester Zeit Avantgarde zu
sein. Von der Außenpolitik seiner Konkurrenten begriff das
Wilhelminische Deutschland, dass sie skrupellos war um sich Gold
anzueignen (in Afrika), Bitumen und Öl (in Arabien), Kautschuk, und
Holz (in Asien). Sie wurden dem Reichtum der Armen genommen. Dazu
brauchte es Schiffe und Kanonen. Deutschland konnte sie bauen und baute
sie auch. Was das Wilhelminische Deutschland fast gar nicht begriff,
das waren die Skrupel der Machtkonkurrenz, sobald sie Gefahr lief, von
ihren kolonialen Methoden ergriffen zu werden, statt die rohe Gewalt in
den Grenzen zu halten, die Imperium und "Mutterland" trennten. Es war
das eine, in Indien auf Bettler zu schießen, das andere in England mit
dem Plebs umzugehen. Man konnte im Mekong seine Sklaven ertränken, aber
staatliche Morde am Ufer der Seine bedrohten die Ordnung. Wenn kapitale
Gewinne aus geronnener Arbeit, aus vielfachem Tod in Vietnam oder
Indien, Europa erreichten, so war dies der Weg zwischen Front und
Etappe. Wer das eine von dem anderen nicht zu unterscheiden verstand,
übertrug die Gesetze des Werteerwerbs in die Werteverwaltung. Ein
riskanter Transfer! Denn dort, in Paris und in London, vollzog sich der
Zauber, mit dem die nackte Gewalt am stofflichen Ursprung in das Edle
mutierte, in die Schönheit der Waren. Aus diesem Prozess alles Rohe zu
nehmen, bevor man den Kreislauf aufs Neue begann, wurde lange geübt,
war Herrschaftskultur. Die gesetzlichen Regeln der Eigentumsordnung und
das raffinierte Geschäft der diplomatischen Corps bewahrten Europa vor
dem Durchbruch der Mittel, die ihm anderswo nutzten. Raffinement und
europäische Skrupel waren Deutschland zuwider. Sie hätten bedeutet, den
Aufholprozess mit Bedacht anzugehen, die Kräfte, die Europa im
Gleichgewicht hielten, nicht in Frage zu stellen und den "Platz an der
Sonne" erst nach zähem Verhandeln, nach Schmeicheln und Drohen in
Anspruch zu nehmen. Dazu fehlte die Zeit. Unter Druck durch die Börsen
und durch das schnelle Fallieren des Frankreichgeschäfts, glaubte der
Hof im erstarkten Berlin, er könne Gewinne erzwingen. Man musste
skrupellos sein! Man musste die Mittel, die die Machtkonkurrenten in
Asien benutzten und die sie sich selbst nicht zumuten wollten,
geographisch entgrenzen. Dies war kein Entschluss aus strategischem
Denken, sondern folgte der Gier, dem Steigen der Aktien, sobald sich
der Kaiser mit der restlichen Welt zu unterhalten beliebte und ihr
Prügel versprach: Gott strafe England! Achtung Chinesen! Wir schicken
die Hunnen! Vielleicht war es Wahnsinn oder Hypertrophie einer kranken
Person; doch verdichtete sie - in preußischer Grobheit und protzender
Größe - nur das Grobe des Zustands, in dem sich Deutschland befand -
seinen Wandlungsprozess aus agrarischer Wirtschaft in Großindustrie.
Mittel und Zwecke
Das Auswärtige Amt hat diesen Zustand nie reflektiert, aber setzte ihn
um. Die amtlichen Maßnahmen schwankten: zwischen roher Direktheit und
innerer Hemmung. Da der Rüstungsausbau auf sich warten ließ, suchte man
Wege, die Konkurrenten zu schwächen, ohne sie offen mit Gewalt zu
bedrohen. Bei der Mittelauswahl war von England zu lernen, insoweit es
seine Waffen zu schonen verstand, Eroberungen mit Intrigen begann und
zwischen Kasten und Stämmen jeden Widerspruch pflegte, der im
Einmarschgebiet Entlastung versprach. Zur Entgrenzung dieses Mittels
gehörte die Kenntnis von Stammesfantasmen europäischer Art. Was
Frankreich erfolgreich in "Indochina" betrieb, die Spaltung des Gegners
mit ethnischen Waffen, konnte das Amt an den französischen Grenzen, in
"Elsaß" und "Lothringen", erst recht praktizieren. Mit dem nötigen
Abgleich zwischen ethnischen Grenzen und den Grenzen der Staaten war
die Fachwelt beschäftigt. Was bei Bökh(3) in Berlin und in Frankfurt bei Lotz(4)
als romantisierende Forschung über Sprachen und "Völker" noch
unschuldig tat, wurde später geschärft und ideell überhöht, um dem Amt
sowohl die Waffen zu liefern als auch sein Selbstbild, seine
Träumergestalt, sittlich zu formen. Ein innerer Auftrag, eine "Sendung"
entstand, wonach die freie Entwicklung der Sprachen und "Völker" des
sofortigen Schutzes der Deutschen bedürfte. Dieser altruistische Umhang
wurde existientiell, um den Durchbruch der Gier des erstarkenden
Deutschland möglichst gut zu verdecken. Dabei unterlag auch das Amt den
Gesetzmäßigkeiten einer solchen Verkleidung: Je heller ihr Schein,
desto dunkler ihr Wesen. Die deutsche Entdeckung, dass staatliche
Grenzen die Verbreitungsgebiete von Sprachen durchschneiden und die
gemeinsamen Mythen, das Herkunftsmilieu der benachbarten Bürger nicht
aufheben können, klang anfangs trivial und wurde im Ausland nicht
weiter beachtet. Berlin gewann Zeit, diese Waffe zu stählen. Es holte
Ratzel(5) ins Amt. Die
Theoreme von Ratzel, die mit "Lebensraum" spielten, vollendeten Böckh
um die weltweite Geltung der deutschen Ideen. Sie fügten dem Blut des
ethnischen Mittels den Boden hinzu. Jetzt hieß die Losung des Amtes
"Volk über Staat" - ein begrifflicher Irrwitz, der das
Herrschaftsobjekt ("Volk") jener Ordnung entzog, die im Zustand des
Tauschs und der Stämme begann, um mit Teilung der Arbeit zum höheren
Zwang aller Menschen zu werden. Die amtliche Losung vom Flottieren des
"Volkes", das zwischen staatlichen Grenzen selbständig sei, hob die
Zwänge nicht auf, die Staatssache sind, war nicht Freiheitsidee,
sondern griff in die menschliche Urzeit zurück. Als deutsche Verheißung
für die "Völker" und "Völkchen" entstanden Ordnungskonstrukte mit
barbarischen Zügen ("blutliches Volk"), deren wirkliche Ordnung sich
Berlin vorbehielt: die Schutzmacht der "Völker". Damit hatte das
Auswärtige Amt einen Ansatz entwickelt, der das koloniale System der
Machtkonkurrenten nicht nur entgrenzte; die archaischen Regeln am
stofflichen Ursprung des Werteerwerbs, die in Vietnam oder Indien
notwendig waren, erklärte Berlin zu Gesetzmäßigkeiten im Staatenverkehr
("Volkstumskampf") und erhob diese Mittel in den Rang von Natur. Mittel
und Zwecke stürzten in eins.
Inhalt und Form
Bei einer solchen Legierung Gewichte zu setzen, ist ein innerer
Kampf. Er tobt zwischen Kräften, die die Machtgier bestimmt (so dass
Pragmatismus das Ideelle verdrängt) und dem Herrschaftsgewissen. Bei
starker Legierung wird das Zentrum der Macht auch der ethische Ort
sein, an dem die Herrschergestalt die Gewichte tariert(6);
wird das Mittel entscheidend, wechseln die Orte - in Zeiten des
Notstands kann das täglich geschehen. Zweck-Mittel-Konflikte zwischen
dem Auswärtigen Amt und der militärischen Führung (Ludendorff)
durchziehen die gesamte Weltkriegszeit. Die innere deutsche Gemengelage
hat sowohl Gegner wie Freunde bereits damals irritiert. Glaubten sie
eben noch, die ideelle Archaik der "Volkstums"-Programme setze sich
durch und das Auswärtige Amt werde Belgien in Stücke zerschlagen, so
erklärte Berlin wenig später, es garantiere die Einheit des belgischen
Staates (1917/18). Die flämischen Separatisten waren entsetzt; sie
hatten dem Amt und dem Kaiser vertraut, der das wallonische "Volk" den
Romanen zuschlug, also den Feinden, während flämisches Blut als
"artverwandt" galt und nach Meinung des Herrschers ohne eigenen Staat
"vermischt" werden würde. Diese Biologismen stellten keine Vorwände
dar. Sie waren ernst gemeint gewesen und blieben es auch, nachdem sich
Berlin in der belgischen Frage für einen Tributärstaat entschied mit
Marionettenverwaltung, Währungsunion sowie deutscher Kontrolle über
Häfen und Straßen. Was nach rationaler Machtpolitik aussah, degradierte
das völkische Syndrom nur zeitweise, weil mit dem flämischen
Separatismus kein Staat zu machen war, wie ihn das Amt als Endziel
fixierte - ein großdeutsches Reich germanischer Prägung unter
Einschluss ganz Belgiens, das sich "Mitteleuropa" bis nach Asien
erschloss und seine Großmachtgestalt durch Stützpunktsysteme in aller
Welt finden würde (Afrika, Lateinamerika). Bei finaler Entblößung der
Berliner Herrschaftspläne (Mitte 1918) stellte sich heraus, dass die
Zeiten des Umbaus der "Volkstums"-Archaik zugunsten klarer Interessen
nur Transitphasen waren, derer Deutschland bedurfte, um den treibenden
Inhalt seiner Weltpolitik in noch höherer Form entfalten zu können: als
Imperium Germaniae(7), als Akkumulator industrieller Potenz, in dem sich technische Kälte mit den regressiven Momenten seines Ursprungs verband.
Verklumpte Strukturen
Sobald das Endziel unerreichbar wurde und eine Schwächephase begann
(1919-1933), kaschierte das Amt die völkische Art seiner
Weltherrschaftspläne, indem es die Waffen der Gegner benutzte und auf
dem Boden der üblichen Machtpolitik als Gleicher auftrat. In der
Weimarer Zeit scheinen Mittel und Zwecke, Inhalt und Form, der
deutschen Potenz entkoppelt zu werden. Während Blutstheoreme in
privaten Verbänden Aufnahme fanden, gefiel sich das Amt als Wächter von
Rechten, die der westliche Sieger zum Ordnungsprinzip der Moderne
erhob. Das Stichwort hieß "Selbstbestimmung". Die von Wilson
aufgestellte Losung(8)
wird zum Hebel der deutschen Außenpolitik. "Selbstbestimmung" verlangte
sie für ihre früheren Bürger, die als Minderheiten im Ausland lebten
(Italien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Tschechoslowakei, Jugoslawien)
und nach "Selbstbestimmung" war ihr zumute, wenn sie an alle übrigen
Minderheiten dachte. Damit machte sich Berlin jene Ambivalenz zunutze,
die das Wesen der "Selbstbestimmung" ist und von der man bis heute
nicht weiss, ob sie "eine Rasse, ein Gebietsteil oder ein Gemeinwesen"(9)
meint. Die Warnung des ehemaligen US-Außenministers Lansing, der nicht
nur den taktischen Gehalt, sondern auch Komponenten des kolonialen
Modells und archaischer Prägung als erster erkannte, blieb unerhört. In
die Berliner Forderung nach "Selbstbestimmungsrechten" ging ab sofort
alles Völkische ein, das in Wilsons Prinzipien Entsprechungen fand,
aber amtlicherseits nicht erwähnt werden sollte. Diese deutsche
Verstellung war nicht reservatio mentalis. Sie war praktisch gemeint.
In Genf trat das Amt nach westlicher Art auf, in Berlin spann es Netze,
die das völkische Wesen seiner Machtpolitik in Reinform enthielt.
Millionenbeträge wurden geschleust, um das blutliche "Deutschtum"
weltweit zu stärken und gegen feindliches "Volkstum" in Stellung zu
bringen.(10) Man
gründete Banken, deren einziger Auftrag die heimliche Stützung
deutscher "Volksgruppen" war (in Polen) oder schickte Agenten, die die
nordische "Raumnot" gewaltsam erkämpften (nach Italien). Dies schien
nicht genug. Die subversiven Erfolge des "Volksgruppen"-Kampfes in
"Deutschtums"-Gebieten versprachen dem Amt einen Machtzugewinn, der
noch steigerbar war, sofern sich die Lehre von den blutlichen Rechten
auf Autonomie oder Separation ausweiten ließ. Man musste Wilsons
Prinzipien für alle einfordern: Für Bretonen in Frankreich, für Waliser
in England oder Samen in Schweden "Selbstbestimmung",
"Minderheitenschutz"! Die geniale Idee der Berliner Regierung, die
damit an Versuche im Weltkrieg anschloss,(11) führte zur Gründung eines "Volksgruppen"-Bundes mit europäischem Anspruch(12).
Nachdem er die Minderheiten mehrerer Staaten aufgestachelt hatte,
warnten die Führer des "Nationalitäten-Kongresses" vor dem
Druckpotential ihrer Minoritäten, das sich in Kürze Bahn brechen
könnte. Anders gesagt: Die deutsche Außenpolitik, die den Verband zu
steuern verstand, drohte mit Krieg. Den Biedermann spielend, war es
Stresemann selbst, der die Berliner Agenten der "Volksgruppen"-Ordnung
auf europäischer Bühne mit Geldern versah. Statt staatlich umgrenzt und
gezügelt zu werden, stieg das völkische Muster auf einen führenden
Platz im Amtsarsenal. Der deutsche Entwurf für eine europäische Ordnung
nahm Ausmaße an, in denen erkennbare Herrschaftsinteressen und ideelle
Strukturen miteinander verklumpten. Die Zweck-Mittel-Legierung, die
seit Gründung des Reiches das Wachstum antrieb, befreite das Auswärtige
Amt auch in Zeiten der Schwäche vor Hemmung und Skrupeln. Der ideelle
Verschnitt beim Kampf um Ressourcen blieb bis zum Ende von Weimar die
deutsche Konstante im Staatenverkehr.
Ethos und Machtgier
Auch danach hat das Amt nichts Neues entwickelt. Trotz der Einmaligkeit
des staatlichen Terrors erkennt es sich schnell in den Anlagen wieder,
die das Nazi-Reich formen und ein fester Bestand seines Amtserbes sind.
Es verstärkt und begleitet die nackte Gewalt am stofflichen Ursprung
des Werteerwerbs. Es kleidet den Zugriff, bei dem es um Raub geht, in
Freiheitsvisionen ("Selbstbestimmungsrecht der Völker"). Es zuckt erst
zurück, als die koloniale Methode nicht durchschlagend ist und der
Akkumulator trotz technischer Höchstform zu stottern beginnt. Die nach
1933 begangenen Verbrechen entspringen dem Wesen der deutschen
Außenpolitik, ohne ihr mehr zuzusetzen als die volle Enthemmung der
verklumpten Struktur: Okkupation wird zur "Lebensraum"-Ordnung,
Ressourcenverteilung zum "Volksgruppen"-Kampf, Mehrwertgewinn aus
lebendiger Arbeit zur "Rassen"-Gradierung. Was aus diesen Komplexen in
den Vordergrund trat, was zurückstehen konnte, war das Ergebnis von
Amtskompromissen, nicht von Prinzipien. Ob man Frankreich zerschlug und
in Kleinstaaten teilte ("Burgund") oder großdeutschen Boden an Italien
vergab ("Südtirol"), entschied sich nach Abgleich zwischen praktischen
Zwängen und ethischem Ziel. Es war der ethische Antrieb, der die
Legierung zersprengte und den völligen Machtverlust, ja selbst den
physischen Untergang des Herrschaftszentrums und dessen Gefolgschaft
herbeiführte (8. Mai 1945). Dies erscheint unerklärlich, sofern man
vergisst, wie Deutschland begann und das ideelle Syndrom aus den Augen
verliert. Für die Konstituierung und Wachstumsdynamik des
Großmachtanspruchs war es entscheidend. Es barg zahlreiche Mittel, mit
denen das Auswärtige Amt den Gegner verwirrte und subversiv hinterging.
Es hatte das Reich zu Siegen geführt. Jetzt war es der Ort, an dem sich
die Machtgier mit dem Scheitern versöhnte: "Deutschland wird leben,
auch wenn wir sterben müssen." "Inzwischen erfolgte der schmachvolle
Zusammenbruch des Vaterlandes. Wir blicken in ein trostloses Grab
langer, ehrlicher Arbeit, in ein Grab schöner deutscher Hoffnungen
[...] In dieser Trauer möge uns etwas vom Idealismus Schillers
erfüllen, der dem Dichter die Worte eingab von dem ›großen gigantischen
Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen
zermalmt‹." Aus der Chronik des Industrie-Club Düsseldorf, 1948 Das
Auswärtige Amt versuchte nach 1945 den Eindruck zu erwecken, es habe
zwar Fehler begangen, aber für das ideelle Syndrom der deutschen
Außenpolitik sei es mehrheitlich nicht in Anspruch zu nehmen. Das
Gegenteil ist wahr.(13)
Spätestens 1954 begann die förmliche Rekonstruktion des völkischen
Ansatzes, der im Verborgenen gepflegt und neu ausgestaltet wurde.(14) Unter Verzicht auf den Antisemitismus der Gosse, aber durchaus mit dem Gossenpersonal(15),
spann das Amt erneut seine Netze und suchte nach "Völkern", die des
Schutzes bedurften. Dazu trat mit Beginn der siebziger Jahre die
Ratzel'sche Lehre, deren ewiger "Raum" in "Regionen" mutierte.(16)
Gleichwohl wusste Bonn, dass es äußerer Aufsicht unterstand. Der
deutsch-polnische Vertrag des Jahres 1970 deutet völkische Aspirationen
nur an(17); zwei
Jahrzehnte später spricht der "Nachbarschaftsvertrag" mit Polen das
Völkische offen aus und verwandelt polnische Staatsbürger in eine
"deutsche Minderheit", die Berlin als "Schutzmacht" betreut, legiert
also Mittel und Zwecke. Dazwischen liegt das Ende der staatlichen
Teilung und der Durchbruch des Verborgenen. In manifester Gestalt tritt
es während des Jugoslawien-Krieges hervor, als das Amt einen
"Stabilitätspakt"(18)
für Südosteuropa entwirft, der von völkischen Ergüssen geradezu
durchtränkt ist. Noch während in Belgrad Bombenfeuer wüten, sorgt sich
Berlin nicht nur um den obligaten "Minderheitenschutz", sondern sieht
in Südosteuropa eine "zugespitzte Entscheidungssituation" heranreifen:
die Entscheidung "zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und
dem Erhalt der Einheit multiethnischer Staaten". Was das Auswärtige Amt
den Verhältnissen im Balkan zuschrieb und nach dort projizierte, ist
sein eigenes Verhältnis zu "Völkern" und "Staaten", zu Mitteln und
Zwecken deutscher Außenpolitik. Indem sie sich zwischen diesen Polen
vor einer Entscheidung wähnt, variiert sie die Lehre vom Flottieren der
"Völker" zwischen staatlichen Grenzen und ist bei Haushofer(19)
angekommen. Die Drohung, "Volk über Staat" stellen zu wollen, ist
unüberhörbar. Seit dem Jugoslawien-Krieg aus einer langen Schwächephase
befreit, kontrolliert Berlin seine osteuropäischen Einflusszonen mit
den verklumpten Elementen aus Machtpragmatismus und völkischem Ethos
(Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn, Rumänien) oder dient
sich dem Aufbruch des Ethno-Regionalismus im Westen an (Spanien,
Großbritannien).(20)
Ist die Sezession gelungen (Serbien), kann es im Interesse des Amtes
sein, den Bruchzustand in der Schwebe und das "Volkstum" in Gärung zu
halten (Kosovo), so dass die Krisenpermanenz eines Mittlers bedarf:
Berlin. Auch außereuropäische Strecken seiner Expansion auf dem Weg zu
"multiethnischen Staaten", denen es die Parzellierung verspricht, legt
das Amt mit dem "Selbstbestimmungsrecht der Völker" zurück. Ob als
Mittler für das "Selbstbestimmungsrecht" der Tschetschenen oder als
Schutzmacht für Tibet(21):
Das Wilson'sche Ordnungsprinzip ist zu einem aktuellen Passepartout für
die deutsche Ausbreitung in Asien, Afrika und Lateinamerika geworden.
Eingepuppt in die Ambivalenz einer Norm, deren verhängnisvolle Wirkung
Robert Lansing als erster erkannte, trifft sich im
"Selbstbestimmungsrecht der Völker" die allgemeine Barbarei
hegemonialer Staatenpolitik mit den barbarischen Besonderheiten eines
dieser Staaten. Die latenten Potentiale seines mächtigsten Konkurrenten
und Vorbilds hat er wirksam werden lassen und dabei Tausende und
Abertausende von Leben vernichtet. Er wird noch mehr Elend über die
Menschen bringen: Deutschland, der völkische Parvenue. Hans-Rüdiger
Minow Der Autor ist zusammen mit Walter von Goldendach Verfasser des
Buches Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische
Parzellierung Europas (München 1999).
Fußnoten:
(1) Robert Lansing, Die Versailler Friedensverhandlungen. Persönliche Erinnerungen, Berlin 1921.
(2) Denkschrift des
Prinzen Max von Baden über den "Ethischen Imperialismus", abgedruckt
in: Reinhard Opitz, Europa-Strategien des deutschen Kapitals 1900-1945,
Bonn 1994.
(3) Richard Böckh
(1824-1907), Leiter des Städtischen Amtes für Statistik in Berlin,
betätigte sich 1871 als Erfinder einer deutsch-französischen
Sprachgrenze im Alsace und der Lorraine.
(4) August Lotz,
Nervenarzt in Frankfurt a.M., empfahl die systematische Verbreitung der
deutschen Sprache, um Europa und die USA zu germanisieren.
(5) Friedrich Ratzel (1844-1904), Leipziger Geograph und Begründer der "Geopolitik".
(6) Ein weitgehendes
Gleichgewicht zwischen ideellen und pragmatischen Aspekten der
deutschen Außenpolitik stellte bis Kriegsbeginn Wilhelm II. her. Auch
an Wendepunkten der Kämpfe besetzten der deutsche Kaiser und seine
Entourage sowohl das machttechnische wie das ethische
Entscheidungszentrum, die sich in diesen Personen schnitten. Gegen Ende
des I. Weltkriegs zerbrach die Personalunion und es kam zu
Funktionsverlusten.
(7) Vgl. Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918, Düsseldorf 1961.
(8) Woodrow Wilson, "Vierzehn Punkte". Erklärung vom 8. Januar 1918 sowie "Vier Grundsätze". Rede vom 11. Februar 1918.
(9) Vgl. Lansing, Friedensverhandlungen.
(10) Vgl. Norbert Krekeler, Revisionsanspruch und geheime Ostpolitik der Weimarer Republik, Stuttgart 1973.
(11) Berlin hatte im I.
Weltkrieg nicht nur "Befreiungskomitees" für die russischen
Nationalitäten gegründet, sondern auch Waffenladungen für die irischen
Aufständischen per U-Boot an die irische Küste gebracht.
(12) "Europäischer
Nationalitäten-Kongreß", gegründet 1925. Minderheiten-Organisation
unter deutscher Aufsicht. Vgl. Sabine Bamberger-Stemmann, Der
Europäische Nationalitätenkongreß. Nationale Minderheiten zwischen
Lobbyistentum und Großmachtinteressen, Marburg 2000.
(13) Vgl. Hans-Jürgen Döscher, SS und Auswärtiges Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der "Endlösung", Berlin 1987.
(14) Vgl. Walter von
Goldendach/Hans-Rüdiger Minow, "Deutschtum erwache!" Aus dem Innenleben
des staatlichen Pangermanismus, Berlin 1994.
(15) Vgl. die Indienststellung antisemitischer NS-Täter wie Theodor Veiter oder Rudolf Stehr.
(16) "Europa der
Regionen". Vgl. die staatliche Regionalisierungspolitik und deren
Werkzeug, die "Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen"
(Bocholt).
(17) Vgl. Hans-Rüdiger
Minow, Deutsche Ethno-Politik. Kontinuitäten und Entwicklungen, in:
Karl-Heinz Roth (Hrsg.), Der Krieg vor dem Krieg, Hamburg 2001.
(18) Auswärtiges Amt
der Bundesrepublik Deutschland, Ein Stabilitätspakt für Südosteuropa
(Entwurf), in: Walter von Goldendach/Hans-Rüdiger Minow, Von Krieg zu
Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung
Europas, München 1999.
(19) Karl Haushofer
(1869-1946). Begründer der operativen deutschen Geopolitik in Weimarer
Zeiten, in der NS-Phase auch als Organisator subversiver
Ethno-Aktivitäten für das Amt tätig.
(20) Vgl. zu den
aktuellen Praktiken der deutschen Außenpolitik in Ost- und Westeuropa
die laufende Berichterstattung des Internet-Dienstes
"german-foreign-policy.com".
(21) Vgl. die völkischen Tibetresolutionen des Deutschen Bundestages von 1996 und 2002.